Elektromobilität im Privatkundensegment stellt nach wie vor Herausforderungen

Die Erfahrungen bei der Entwicklung der Elektromobilität in China und in Deutschland haben gezeigt, dass die ehrgeizigen Ziele zur Marktentwicklung bis 2020 starker Anstrengungen bedürfen. Die vielfältigen Pilot- und Demonstrationsvorhaben in Deutschland und China haben zu vielversprechenden Ergebnissen für die Anwendung von Elektrofahrzeugen geführt.Bild Elektromobilität im Privatkundensegment klein

In China wurden die bisher größten Erfolge im Bereich des öffentlichen Verkehrs erzielt. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Entwicklung der Nutzung im privaten Sektor bleibt aber der Zugang zu privater Ladeinfrastruktur. Erst wenn private Kunden die Sicherheit haben, dass sie ihre Fahrzeuge entsprechend ihres Nutzungsverhaltens laden können, werden sie sich auch für den Kauf von Elektrofahrzeugen entscheiden. Dazu gehört außer kurzfristig angelegten finanziellen Anreizen, vor allem auch die systematische Erschließung des Privatkundensegments auf Basis nachhaltiger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen.

Ein wesentlicher Bestandteil ist die Entwicklung eines geregelten Zugangs zur Ladeinfrastruktur. Die Rolle der beteiligten Institutionen bei der Abwicklung von Wartung und Instandhaltung sogenannter Wallboxes (Ladepunkte zum Laden von Elektrofahrzeugen) sowie die Abwesenheit eines geregelten und vereinheitlichten Installationsprozesses werfen derzeit in China noch Fragen auf. Dem Kunden fehlt damit die notwendige Sicherheit, dass er für sein Elektrofahrzeug auch die gewünschte Ladeinfrastruktur installieren kann. Außerdem sind technische Standards und Regularien teilweise noch unvollständig und uneinheitlich. Dies hemmt die Interoperabilität zwischen Fahrzeugen und der Ladeinfrastruktur und schränkt die notwendige Sicherheit der Systeme ein. Hinzu kommt, dass lokal mehrere Standards teils parallel zur Anwendung kommen, wodurch die notwendige Interoperabilität noch weiter eingeschränkt wird. Des Weiteren fehlt aufgrund unterschiedlicher technischer Ladelösungen, die jeweils Vorund Nachteile mit Bezug auf die Rentabilität, Ladeschnelligkeit, Netzintegrität und Nutzerakzeptanz haben, ein klares Bild über die Anbieter und deren wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle für das Laden von Elektrofahrzeugen in China.

Vor dem Hintergrund der übergeordneten strategischen Bedeutung und der bestehenden Herausforderungen der privaten Ladeinfrastruktur für die Marktentwicklung, hat die Bundesregierung angeregt, zu dieser Thematik ein gemeinsames Projekt – das SinoGerman Electric Vehicle Charging Project (SGEVCP) – im Rahmen der Deutsch-Chinesischen Strategischen Partnerschaft Elektromobilität aufzusetzen.

Die Strategische Partnerschaft Elektromobilität zwischen Deutschland und China wurde im Juni 2011 im Zuge der ersten Deutsch-Chinesischen Regierungskonsultationen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem damaligen Premierminister Wen Jiabao ins Leben gerufen. Daraufhin wurde die Deutsch-Chinesische Plattform für Alternative Antriebe gegründet, deren Ziel es ist, den Austausch und die Kommunikation in Bezug auf Elektromobilität zu verbessern und gemeinsame Strategien zwischen beiden Ländern zu relevanten Aspekten und Anwendungsbereichen zu entwickeln.

Entwicklung von Lösungsansätzen für die Privatnutzung

Das SGEVCP verfolgt das Ziel, Lösungsansätze zu erarbeiten, um Privatnutzern den Zugang zu Ladeinfrastruktur in privaten und öffentlichen Bereichen zu erleichtern. Diese Lösungen sollen gemeinsam mit chinesischen Partnern erarbeitet und den relevanten chinesischen Entscheidungsträgern mittels Handlungsund Politikempfehlungen bereitgestellt werden.

Dabei stehen erstmalig die Perspektiven des Privatnutzers und der Immobilienwirtschaft im Fokus wissenschaftlicher Studien, ergänzt um eine Analyse der benötigten Prozesse sowie der relevanten technischen und regulativen Rahmenbedingungen.

Das SGEVCP unterstützt die chinesischen Projektpartner sowohl im Bereich des Ladens im öffentlich zugänglichen wie privaten Bereich. Übergeordnetes Ziel ist es, den Markt privater Käufer durch kundenorientierte, nachhaltige und standardisierte Prozesse im Aufbau einer leicht zugänglichen Ladeinfrastruktur zu fördern. Gleichzeitig soll auf die spezielle Situation vieler potenzieller Kunden in Beijing eingegangen werden, die ihr Elektrofahrzeug nicht auf einem ihnen zugeteilten privaten Stellplatz aufladen können, sondern auf Lösungen im öffentlich zugänglichen Raum angewiesen sind.

Politische Unterstützung auf nationaler wie auch lokaler Ebene

Maßgeblich für die Koordinierung und politische Begleitung des Projekts sind auf deutscher Seite das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) und auf chinesischer Seite die Nationale Entwicklungsund Reformkommission (NDRC), jeweils in enger Abstimmung mit den anderen relevanten Ressorts. Des Weiteren unterstützten auf lokaler Ebene Beijinger Behörden, wie beispielsweise die Beijinger Kommission für Forschung und Technologie (BCST) sowie die Kommission für die Entwicklung von urbanem Wohnraum (BMCHUD) das Projekt. Die Aufgabe der politischen Koordination übernehmen auf deutscher und chinesischer Seite die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) sowie das China Automotive Technology Research Center (CATARC). Die operative Umsetzung erfolgt außerdem in enger Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen sowie Projektpartnern aus der Industrie. Auf industrieller Seite unterstützen sowohl deutsche als auch lokale Autohersteller das Projekt. Auf internationaler Ebene sind derzeit Daimler, BMW, Audi und VW involviert sowie BAIC, Brilliance, Chang’an, Zinoro und Denza auf der chinesischen Seite.

Wissenschaftliche Studien unterstützen die Entwicklung von Handlungsempfehlungen

Das SGEVCP erarbeitet schrittweise in Zusammenarbeit mit den wissenschaftlichen Partnern Ergebnisse in mehreren Studien. Zur Vorbereitung der ersten Projektphase wurde zunächst in Kooperation mit der Tsinghua Universität eine Studie zur Untersuchung der verschiedenen Wohnsegmente und entsprechenden Lebensverhältnissen durchgeführt. Im Rahmen dieser Studie wurden die Wohnverhältnisse in Relation zu möglichen Ladelösungen kategorisiert. Des Weiteren entwickelt CATARC in Zusammenarbeit mit TÜV Rheinland einen Installationsleitfaden für die im Projekt durchgeführten Installationen. Dieser Leitfaden dient der empirischen Validierung eines einheitlichen Installationsprozesses, vor allem um die Nutzerfreundlichkeit und Sicherheit der installierten Komponenten zu gewährleisten. Ein dritter wissenschaftlicher Kooperationspartner ist das Spiegel Institut, welches auf Basis der begleitenden Forschung mit Testteilnehmern des SGEVCP eine Studie zum Fahrund Ladeverhalten erstellt. Außerdem bedarf die Installation frei zugänglicher Ladepunkte entsprechender Geschäftsmodelle, um diese langfristig wirtschaftlich tragfähig zu betreiben. CATARC ist daher mit einer weiteren Studie zur Erarbeitung und Analyse notwendiger Rahmenbedingungen nachhaltiger Geschäftsmodelle für Ladelösungen auf öffentlichem sowie privatem Grund beauftragt.

Aktueller Stand des Ladeprojekts

Die technischen Vorbereitungen der ersten Projektphase wurden im Juli abgeschlossen. Insgesamt wurden aus 1.000 Gebäudekomplexen in Beijing representative Compounds ausgesucht und einer technischen vor-Ort-Untersuchung (on-site infrastructure feasibility check) unterzogen. Die Untersuchung umfasste dabei vor allem Kriterien wie ein ausreichendes Kontingent an, für die Installation nutzbaren, Parkplätzen sowie freie Elektrizitätskapazitäten in der jeweiligen lokalen Netzzelle. In Zusammenarbeit mit den Hausverwaltungen (Property Management Offices, PMO) wurden Nutzer auf freiwilliger Basis zur Projektteilnahme ausgewählt und Fahrzeuge der teilnehmenden Autohersteller für eine Dauer von drei Monaten kostenfrei zur Verfügung gestellt sowie die Installationen der Wallboxes durchgeführt. Nach der Vorbereitung der Teilnehmer sowie der Übergabe der Autos an die Teilnehmer analysiert und dokumentiert das Spiegel Institut nun im Rahmen der Nutzerstudie das Fahrund Ladeverhalten.

Nächste Projektschritte und Ergebnisse

In der nächsten Phase des SGEVCP wird stärker auf Wohnsituationen eingegangen in welchen das Laden der Elektrofahrzeuge auf einem privaten Parkplatz und somit an einer individuellen Wallbox nicht möglich ist. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn die vorherrschende Wohnsituation eines Privatkunden keinen Zugang zu einem fest zugeordneten Parkplatz ermöglicht oder die Netzstabilität nicht gewährleistet werden kann. Dabei liegt ein besonderes Augenmerk auf der nachhaltigen und attraktiven Gestaltung von Geschäftsmodellen für Hausverwaltungen, die als Betreiber der Ladelösung fungieren und gegebenenfalls zusätzliche Dienstleistungen anbieten können. Des Weiteren liegt der Fokus auf der Ladeinfrastruktur im öffentlichen Raum. Eine wesentliche Herausforderung dabei ist die Vereinheitlichung der Ladeprozesse an Ladesäulen, um die Prozesse durchsichtiger zu gestalten und vor allem auch ein Laden fern der privaten Lademöglichkeiten zu ermöglichen.Anfang des kommenden Jahres werden die ersten Ergebnisse des Vorhabens erwartet. Sie werden einen wichtigen Beitrag für die Deutsch-Chinesische Strategische Plattform und letztendlich für die Entwicklung der Elektromobilität in beiden Partnerländern liefern.

Quelle: www.econet-china.com

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