Die beiden HeyCharge-Gründer Dr. Robert Lasowski (l.) und Chris Cardé. Foto: Max Württemberger/heartwork productions

Vom Silicon Valley nach München: Wie BMW i Ventures und Hey Cahre die E-Mobilität vereinfachen

BMW i Ventures, die Venture-Capital-Gesellschaft der BMW Group, gehört zu den relevantesten Risikokapitalgebern im automobilen Umfeld. Bereits seit 2011 unterstützt BMW i Ventures innovative und schnell skalierende Start-ups. Im Fokus stehen Hardware sowie Software-Lösungen aus der Transport-, Fertigungs- und Lieferkettenindustrie. Mit dem zweiten Fonds (Auflage 2021) legt BMW i Ventures einen noch stärkeren Fokus auf nachhaltige Lösungen. Unter anderem hat der Kapitalgeber in das Münchner Start-up HeyCharge und seine Ladelösungen investiert.

Für die aktuelle Ausgabe des eMove360° Magazins (Download-PDF) sprach Sabine Metzger mit Atanas Mukov, Principal bei BMW i Ventures und Chris Cardé, Gründer und CEO von HeyCharge über die aktuellen Marktentwicklungen und die Zukunft der E-Mobilität in Deutschland. Mukov und Cardé sind außerdem Sprecher auf der eMove360° Future Mobility Conference, die vom 5. bis 7. Oktober parallel zur eMove360° Europe, 6. Internationale Fachmesse für Mobilität 4.0 elektrisch-vernetzt-autonom stattfindet.

 

Herr Mukov, Sie sind seit gut acht Jahren als Investor unterwegs und sind seit 2018 für BMW i Ventures tätig. In Ihrer Rolle als Principal haben Sie im Namen von BMW i Ventures bereits in einige erfolgreiche Firmen wie Motorway aus London und ELISE aus Bremen investiert. Was macht für Sie den Reiz des Jobs aus?

Atanas Mukov: Für mich ist Venture Capital der effizienteste Weg, den wir als Gesellschaft kennen, um sowohl Innovationen als auch die Wirtschaft voranzutreiben. Eine Recherche des Magazins Economist kam Anfang 2022 zu dem Ergebnis, das VC-gestützte Unternehmen in den USA 76 Prozent der gesamten Börsenkapitalisierung der seit 1995 gegründeten Unternehmen ausmachen, und das obwohl diese nur 0,5 Prozent der jährlich gegründeten amerikanischen Unternehmen darstellen. Was meinen Alltag einzigartig macht, sind die vielen ambitionierten und lösungsorientierten Menschen, mit denen ich jeden Tag zusammenarbeite. Ein Teil davon zu sein, treibt mich jeden Tag aufs Neue an.

Lange Zeit blickten alle neidvoll Richtung Silicon Valley und den Innovationsgeist der dortigen Gründer:innen. Hat sich das Blatt gewendet? Wie schätzen Sie aktuell die Start-up-Szene in Deutschland ein?

Mukov: Seit ich 2014 eingestiegen bin, hat sich die Szene massiv verändert. In den letzten Jahren hat sich in Deutschland der Zugang zum Kapital deutlich verbessert, aber wir können noch eine Menge von der Start-up und VC-Welt in den USA lernen. Auch verfügen die USA über einen ausgereiften Kapitalmarkt für Eigenkapital und Fremdkapital. Strukturen in einem solchen Ausmaß gibt es (noch) nicht in Deutschland. Ich denke, dass sich die Situation hier auch schnell verändern wird. Als einer der wenigen Fonds weltweit, der Büros im Silicon Valley und in Deutschland hat, sind wir bestens positioniert, zu helfen und die Brücke zu beiden Welten zu schlagen.

Herr Cardé, Sie kennen sich mit dem Silicon Valley aus. Sie sind gebürtiger Amerikaner, und bevor Sie nach Deutschland kamen, waren Sie viele Jahre bei Google tätig. Wie kam es dazu, dass sie sich entschieden haben, HeyCharge zu gründen und dazu auch noch in Deutschland?

Chris Cardé: Nach meinem Abschluss an der Universität Kalifornien war ich zunächst bei Mercedes-Benz im Silicon Valley tätig. Aufgabe war es, den innovativen Geist des Silicon Valley einzufangen und die Denkweise sowie die spezifischen Produktmöglichkeiten nach Deutschland zu bringen. Dadurch verbrachte ich fast die Hälfte des Jahres in Deutschland und habe viele Dinge am Leben in Deutschland lieben gelernt. Google bot mir dann die Möglichkeit, in München beim Aufbau eines Entwicklungsteams zu helfen, das Software für die Automobilindustrie entwickelt. In den Jahren, die ich bei Google verbracht habe, wurde Deutschland zu meiner Heimat. Das Thema Ladeinfrastruktur und die Idee, selbst zu gründen, kam eher durch Zufall in mein Leben. 2017 stellte ich mein erstes E-Auto in einer Tiefgarage in der Münchner Innenstadt ab und merkte, dass es schwierig ist, ein Auto ohne Internetverbindung zu laden. Ich erkannte die Chance in der Verbindung aus Produktbedarf und Innovationsmöglichkeit und entschied, HeyCharge zu gründen. In meinen Jobs steckte also schon immer der Silicon-Valley-Spirit und jetzt habe ich das Gefühl, dass ich mit unserem Tech-Start-up HeyCharge ein bisschen Silicon Valley nach Deutschland bringen kann.

Herr Cardé: Was macht ihre Lösung besonders, welche Lücke füllen Sie damit?

Cardé: Öffentliche Ladesäulen auf der Straße oder an Autobahnraststätten sind nur Teil der Lösung. Denn ein eigenes E-Auto zu fahren, ist erst dann ein Erlebnis, wenn man täglich Zugang zu einer Ladestation hat. Das bedeutet für die meisten Menschen entweder zu Hause oder am Arbeitsplatz. Die deutsche Regierung prognostiziert, dass langfristig 80 Prozent aller Ladevorgänge an diesen beiden Orten stattfinden werden, sodass der Bedarf an Lösungen für diese Ladeinfrastruktur enorm steigen wird.

Für die Installation von Ladelösungen zu Hause und am Arbeitsplatz gibt es ganz andere Anforderungen als für das öffentliche Laden. Diese Erkenntnis war der Ausgangspunkt für unsere zum Patent angemeldete SecureCharge-Technologie. SecureCharge ermöglicht es, extrem kostengünstige Ladegeräte zu bauen, die ausschließlich darauf basieren, dass die Nutzer:innen nur noch ihr Smartphone benutzen, um Ladevorgänge zu managen und abzurechnen. Die nötigen Daten werden dann an unsere Verwaltungsplattform in der Cloud übermittelt. Das ist einzigartig und bietet mehrere Vorteile: Die Ladegeräte sind dadurch einfacher konstruiert, sind auch einfacher zu installieren und günstiger zu betreiben. Zudem erfolgt die Abrechnung auch ohne Internetverbindung der Ladesäule und das Wichtigste: die Säulen funktionieren mit unserer App auch dort, wo es kein Mobilfunksignal gibt wie in Tiefgaragen.

Herr Cardé: War es schwierig für Sie, Investor:innen für Ihre Lösung zu finden?

Cardé: Wer behauptet, dass es als Pre-Seed-Start-up einfach ist, Investor:innen zu finden, lügt, hat Glück oder beides. Auch wir hatten anfangs Schwierigkeiten, geeignete Investor:innen zu finden. Vor allem als wir noch kein vorzeigbares Produkt hatten. Ein Türöffner war der EIT Climate-KIC’s Open Accelerator, bei dem wir eine Menge Angel-Investoren kennenlernten. Der einschneidende Moment war aber die Aufnahme in die Start-up-Kohorte von Y-Combinator im Sommer 2021. Y-Combinator ist wahrscheinlich der berühmteste und einflussreichste Start-up-Accelerator der Welt. Die Aufmerksamkeit der Investor:innen für YC-Start-ups ist wirklich unglaublich, und unsere Erfahrung mit dem Fundraising war aufregend und erdend zugleich.

Herr Mukov, Wachstum und Rendite gehören zu klassischen Bewertungskritieren von Kapitalgebern. Ist das auch bei Ihnen so?

Mukov: Sicherlich ist Rendite die führende Kennzahl, schließlich ist es unsere Aufgabe, das Kapital am effizientesten zu investieren. Es gibt aber keine Formel dafür, wie ein Geschäftsmodell erfolgreich wird. Vielmehr kommt es auf Fachwissen, Vertrauen und gute zwischenmenschliche Beziehungen an. Deswegen unterstützen wir die Gründer:innen direkt von Anfang an auf Augenhöhe.

Wachstum ist ein wichtiges Kriterium, jedoch stellt sich die Frage, wie Wachstum definiert wird. Es geht dabei nicht nur um Umsatz, sondern auch um die Wirkung, die das Produkt selbst haben kann. Gerade mit dem zweiten Fonds investieren wir vor allem in nachhaltige Ansätze. Lösungen, die dazu beitragen, Ressourcen zu schützen und CO2 einzusparen, können auch ein wesentlicher Faktor sein, um den Wert eines Start-ups zu bestimmen. In unserem Portfolio gab es Unternehmen wie Moovit aus Israel, die von Intel gekauft wurden, weil ihr Dienst von hunderten Millionen Nutzer:innen weltweit genutzt wird. Das bietet eine genaue Vorhersage von Bewegungsströmen in städtischen Gebieten, also auch ein Erfolgskriterium. Unterm Strich lässt sich Wachstum aus mehreren Gesichtspunkten betrachten.

Herr Mukov, was hat Sie davon überzeugt, in HeyCharge zu investieren?

Mukov: Bevor wir in HeyCharge investiert haben, habe ich selbst monatelang nach einer Lösung gesucht, mein Fahrzeug in der Tiefgarage aufzuladen und die Ladevorgänge sicher abzurechnen. Klingt einfach, ist es aber nicht. Die gängigen Ladesäulen am Markt brauchen bis heute noch entweder Mobilfunk oder Wifi. HeyCharge kam also wie gerufen. Das Produkt von HeyCharge bietet einen besonders sicheren Zugang zur Ladesäule, ohne dass sie eine Internetverbindung braucht – das Smartphone genügt. Die Lösung wird für Millionen Einwohner:innen im urbanen Bereich ein Traumprodukt, das den Umstieg auf E-Autos weiter vereinfacht.

Herr Mukov, BMW i Ventures investiert vor allem in Start-ups aus den USA, Europa und Israel in der Series A und B. Bislang sind in ihrem Portfolio noch nicht viele Unternehmen aus Deutschland dabei. Woran liegt das?

Mukov: Für uns ist Deutschland eines der wichtigsten Ökosystemen für Start-ups. Wir sind davon überzeugt, dass wir demnächst mehr Deals in Europa und auch Deutschland abschließen werden, da sich der Start-up-Markt hier sehr dynamisch bewegt. Aktuelle Investitionen in Deutschland waren in Kinexon und ELISE. Einer unserer Managing Partner, Marcus Behrendt, ist seit diesem Sommer vom Standort in München aus tätig. Damit haben wir noch mehr Nähe zum hiesigen Netzwerk.

Herr Mukov, mit dem zweiten Fonds legt BMW i Ventures einen verstärkten Fokus auf nachhaltige Lösungen. Das Investment in HeyCharge ist ein Ergebnis davon. Können Sie genauer beschreiben, wonach Sie suchen?

Mukov: Wir haben mit Investments in nachhaltige Lösungen schon 2019 angefangen, da wurden sie bloß noch nicht als solche klassifiziert. Ein Beispiel ist Purecycle, eine Firma die Polypropylen recycelt – ein Material, das extrem schwer zu recyceln ist. Die Firma war Ende Juli 2022 1.1 Milliarden US-Dollar an der Börse . Wir suchen Firmen, die bahnbrechende nachhaltige Lösungen mit großer Wirkung für das automobile Umfeld anbieten. Wir schauen uns beispielsweise Firmen an, die neue Materialien herstellen wie Bcomp aus der Schweiz oder Natural Fiber Welding aus der USA oder die neuartige Batterietechnologien entwickeln wie SolidPower und ONE.

Herr Cardé: Wie geht es nun mit HeyCharge weiter?

Cadé: Wir befinden uns derzeit an einem sehr spannenden Punkt, weil wir nun richtig skalieren können. Mit der White-Label-Lösung unserer Technologie haben wir den richtigen Riecher gehabt – das spiegelt sich in dem Feedback unserer Zielgruppe wider. Wir freuen uns darauf, noch mehr Verträge mit Großkunden abzuschließen. Unabhängig davon, wie wir wachsen, möchten wir aber unserer Mission treu bleiben: den Zugang zu einer hochwertigen Infrastruktur zu Hause und am Arbeitsplatz ermöglichen, unabhängig davon, wo man wohnt oder welcher Einkommensklasse man angehört.

Herr Cardé: Welche Tipps haben Sie für Gründer:innen?

Cadé: Da beziehe ich mich gerne auf die Worte des Y-Combinator: „Entwickelt etwas, das die Leute wollen.“ Gründer:innen sollten für ihre Idee brennen und in der Lage sein, Investor:innen davon zu überzeugen, dass das, was Sie entwickeln, nachgefragt wird. Als wir zum Beispiel die Marktlücke erkannten, weil 80 Prozent der Ladevorgänge in Mehrfamilienhäusern und Büros stattfinden werden, waren wir überzeugt, weiterzumachen. Validiert eure Marktnachfrage, bevor ihr Investor:innen um Geld bittet.

 

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26.09.2022   |  

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