Interview mit Rupert Stadler: „We are HERE“

Prof. Rupert Stadler, Vorsitzender des Vorstands der AUDI AG, spricht über die Zukunft des pilotierten Fahrens, die entscheidende Bedeutung hochpräziser Straßenkarten und den sicheren Umgang mit den Daten der Kunden.

Herr Stadler, freuen Sie sich schon auf das autonom fahrende Automobil?

Rupert Stadler: Zunächst freue ich mich auf das pilotiert fahrende Auto. Wir werden hier mit der nächsten Generation des Audi A8 schon 2017 einen großen Schritt nach vorne machen. 2018 folgt unser Elektro-SUV, ebenfalls mit pilotierten Funktionen. Der Audi A8 wird bei Bedarf bis Tempo 60 pilotiert fahren und dabei den Fahrer vom oft so nervigen Stop-and-Go und Kolonnenverkehr entlasten. Darüber hinaus genießt der Mensch am Lenkrad das aktive Fahren. Denn insgesamt wächst der Fahrspaß, wenn uns das Automobil die mühsamen, die unerfreulichen Situationen weitgehend abnimmt.

Das ist aber nur ein erster Schritt hin zum autonomen Fahren.

Stadler: Aber ein großer Schritt auf einem Weg, der mit unserem umfassenden Angebot an Assistenzsystemen längst begonnen hat. Das pilotierte Fahren ist die derzeit höchste Komplexitätsstufe der Digitalisierung im Auto. Das Rückgrat besteht aus einer Umfelderkennung mit zahlreichen Sensoren. Es gibt eine Entscheider-Instanz mit enormer Rechenleistung, das zentrale Fahrerassistenzsystem. Darüber hinaus sind eine aktive Quer- und Längsführung des Fahrzeugs, also die Regelung von Gas, Bremse und Lenkung, sowie ein Mensch-Maschine-Interface als Bedienkonzept erforderlich. Dieser Stufe werden die nächsten folgen. Das Auto wird in den kommenden Jahren einen immer größeren Geschwindigkeitsbereich und immer mehr Einsatzszenarien beherrschen. Unser Ziel ist dabei klar: Audi wird bei dieser Technologie weiterhin konsequent an der Spitze fahren.

Was ist Ihre Vision für einen Audi des Jahres 2030?

Stadler: Stellen Sie sich vor, Sie kommen aus dem Büro und Ihr Audi fährt vor. Ohne Fahrer. Sie können heute etwas früher gehen, denn die letzte Videokonferenz des Tages werden Sie vom Auto ausführen. Danach lehnen Sie sich zurück und werfen einen Blick in die Zeitung. Ihr Auto führt Sie souverän an allen Staus vorbei und Sie gelangen schnell und stressfrei nach Hause. Problemlos und selbstständig parkt Ihr Audi in eine enge Parklücke der Tiefgarage ein. Schon vor dem Einparken steigen Sie bequem aus. Im Jahr 2030 könnte das gut so laufen.

Behält das Automobil dennoch seine emotionale Bedeutung?

Stadler: Das Auto ist der Inbegriff von Freiheit und wird es auch bleiben. Ob für Sport, Urlaubsfahrten oder Kurzstreckenfahrten – das Auto bietet eine unübertroffene Transportflexibilität. Natürlich wird sich der Platz des Automobils in der Gesellschaft wandeln, die nachhaltige, CO2-neutrale Mobilität ist hier das Ziel. Dennoch wird das Auto aber auch in der Zukunft eine sehr große Bedeutung haben. Das gilt ganz besonders für die zunehmende Vernetzung im Internet der Dinge, also die Vernetzung von Automobilen untereinander, aber auch mit der Infrastruktur.

Wird ein Audi auch im Jahr 2030 noch ein Lenkrad haben?

Stadler: Da bin ich mir absolut sicher. Auch dann, wenn unsere Produkte eines Tages den Schritt vom pilotierten zum autonomen Fahren gemacht haben, also ganz ohne Fahrer unterwegs sein können. Wir werden unsere Kunden niemals entmündigen, sie aber immer da unterstützen, wo sie es wollen und es ihnen die Arbeit erleichtert. Alle Assistenzfunktionen haben nur das Ziel, Komfort und Sicherheit auf eine neue Stufe zu bringen. Beim pilotierten Fahren liegt doch das große Potenzial in Situationen, in denen der Fahrer entweder abgelenkt, über- oder auch unterfordert ist. Über 90 Prozent der Unfälle sind heute auf menschliche Fehler zurückzuführen. Wir haben also die Chance, die Zahl der Unfälle auf zehn Prozent zu verringern. Nicht um zehn Prozent, sondern auf zehn Prozent!

Auch einige der weltgrößten IT-Konzerne haben das Automobil und das autonome Fahren als spannendes Thema entdeckt. Da erwächst Ihnen völlig neue Konkurrenz um die technologische Führerschaft.

Stadler: Audi lebt das Versprechen „Vorsprung durch Technik“, und deshalb werden wir diese Entwicklung vom Fahrersitz ausgestalten. Natürlich sind die IT-Konzerne unsere Partner, mit denen wir immer intensiver zusammenarbeiten. Doch die Systemkontrolle, der Zugriff auf die sicherheitsrelevanten Systeme im Auto, von der Lenkung über die Motorsteuerung bis zur Bremse, geben wir nicht aus der Hand. Wir werden keinen Zugang zum Betriebssystem unserer Autos zulassen. Das schulden wir unseren Kunden, sie vertrauen uns. Unsere Kunden schätzen unsere Erfahrung, und sie wissen, dass unsere Technikkompetenz und die Qualität unserer Produkte nicht einfach aufzuholen sind.

Dennoch steht die Machtfrage zwischen Handykonzernen und Automobilherstellern im Raum: Haben Google, Apple, Baidu und Co. künftig die Herrschaft über die Daten – und damit auch über die Kunden?

Stadler: Ganz klar nein. In der vernetzten Welt der Zukunft wird das Automobil eine besondere Rolle haben, denn es besitzt mit seiner ausgefeilten Sensorik eigene Sinne. Es hat alles an Bord, um in Echtzeit ein vollständiges Umgebungsmodell seiner Position zu errechnen. Das kann kein Computer und erst recht kein Smartphone. Nur das pilotierte Auto hat Radarsysteme, Videokameras zur 3D-Rekonstruktion, Ultraschallsensoren und einen Laserscanner, der hochpräzise Daten über Objekte vor dem Fahrzeug liefert. Damit erkennen wir alles, vom Querverkehr im toten Winkel bis zu Gefahrensituationen aller Art. Unser Credo dabei ist: Wenn die Sensorik im Auto ist, dann muss auch die Intelligenz für Assistenzsysteme und pilotiertes Fahren im Auto sein. Und nicht auf den Servern internationaler IT-Konzerne und Datensammler. Wie bereits gesagt, wir sehen die großen IT-Konzerne als Partner, aber die Privatsphäre unserer Kunden
können nur wir garantieren.

Außerdem würden diese „Datensammler“ auch ziemlich viel über den Fahrer wissen.

Stadler: Da geht es um sehr viel – um die persönlichen Daten unserer Kunden und damit um einen Teil ihres Lebens. Das Auto ist ein privater Raum, so etwas wie das zweite Wohnzimmer. Die Bewegungen meines Fahrzeugs ergeben nichts weniger als ein Bewegungsprofil meines Tages. Deshalb haben wir bei Audi eine ganz klare Position: Die Daten aus dem Auto gehören dem Kunden. Er allein entscheidet, was damit passiert. Dabei setzen wir auf europäische Datenschutzstandards. Mehr noch, wir investieren viel Geld in eine eigene Infrastruktur, in der die Daten unserer Kunden sicher sind. Und schließlich bauen wir auf Transparenz, was mit diesen Daten geschieht. Ohne Hintertürchen. Sie werden sehen: Im Internet der Dinge gewinnt der Begriff Privacy einen immer größeren Wert.

Zusammen mit den Kollegen von BMW und Daimler haben Sie den Kartendienst HERE von Nokia gekauft. Welche Rolle spielt das in Ihrer Strategie?

Stadler: Echtzeit-Karten und ortsbezogene Dienste werden die Basis für die Mobilität von morgen sein. Gemeinsam mit BMW und Daimler stellen wir sicher, dass HERE eine offene, unabhängige, wertschaffende Plattform für eine der besten Kartendatenbanken weltweit bleibt. Dies ist die Basis für neue Assistenzsysteme bis hin zum vollautomatisierten Fahren. Wir bauen damit unseren Vorsprung auf dem Gebiet des pilotierten Fahrens weiter aus, erhöhen die Verkehrssicherheit, öffnen uns neue Möglichkeiten zur Entwicklung neuer Mobilitätsdienste und weiterer Dienstleistungen für unsere Kunden. Der Zugriff darauf sichert uns Automobilherstellern die entscheidende Autonomie in der Entwicklung wichtiger Zukunftstechnologien. Er ermöglicht uns die langfris­tige Unabhängigkeit – gerade gegenüber den großen IT-Konzernen.

Aber warum ist das Thema mit den Karten so wichtig für Sie? Unsere Welt ist doch bestens digitalisiert, die Navigationssysteme kennen heute schon den kleinsten Pfad.

Stadler: Wir haben hier eine ganz neue Dimension vor uns. Aktuelle Karten mit Auflösung im Metermaßstab sind gut für die Navigation, doch autonomes Fahren braucht völlig neue Datengrundlagen im Zentimeterbereich. Vielleicht führt der Begriff Karte etwas in die Irre, denn wir reden hier nicht mehr von klassischen Straßenkarten, wir reden von einem dreidimensionalen Modell des Raumes. Das muss sehr präzise sein, bis hin zum Fahrbahnzustand. Und es muss leben, es muss sich sprichwörtlich im Sekundentakt durch anonymisierte Daten aus unseren Automobilen aktualisieren, mit allen Informationen zur Verkehrslage, zum Wetter, zu Unfällen etc. Daneben ist HERE eine riesige Datenbank mit Informationen zu Hotels und Geschäften, zu Parkplätzen oder Veranstaltungen.

Die Autos werden ihre Umwelt doch mit eigenen Sensoren erkennen und „lesen“?

Stadler: Völlig richtig, aber das Bild wird erst dann vollständig, wenn dieses aktuelle Umgebungsmodell kontinuierlich mit dem gespeicherten Modell des Straßenraums abgeglichen wird. Aus den Live-Daten von HERE weiß das Automobil, was es auf seiner Route erwartet. Das macht die Bewertung jeder Veränderung und jeder Bewegung sowie das Erkennen von potenziellen Gefahren ungleich schneller. Zudem werden die Sensoren in unseren Fahrzeugen in Echtzeit anonymisierte Rückmeldungen geben, nicht nur über die aktuelle Verkehrslage, auch über Veränderungen wie Straßen zustand, Umleitungen oder sonstige Störungen. Das ist Schwarmintelligenz. Sie hält die Daten stets aktuell.

HERE ist also eine Investition in die Zukunft des pilotierten und autonomen Fahrens.

Stadler: Ganz klar, es bildet eine wesentliche Grundlage dafür. Aber es gibt auch Nutzen, von denen wir schon sehr bald profitieren werden. Ein einfaches Beispiel: Sie fahren am Freitagnachmittag auf der A9 nach München und es beginnt zu tröpfeln. Der Regensensor aktiviert den Scheibenwischer. Diese Information wird von Ihrem Auto in die Cloud gesendet und von dort zu Fahrzeugen hinter Ihnen und zur Verkehrsleitzentrale. Die Information liegt in Echtzeit für alle Verkehrsteilnehmer vor und führt zu Warnungen oder Geschwindigkeitsempfehlungen. Wenn der Verkehr ins Stocken kommt, bekommen nachfolgende Autofahrer eine alternative Routenempfehlung. Wenn das häufiger passiert, kann das System vorausschauend agieren. Die Erkenntnis, dass Regen auf der A9 am Freitag Nachmittag zu 95 Prozent zum Stau führt, kann bereits vor Fahrtbeginn eine alternative Routenempfehlung ergeben. Und zwar nicht irgendeine, sondern die beste. In der Summe generieren wir im Schwarm enormes Wissen, das wir zum Vorteil und zur Sicherheit unserer Kunden einsetzen werden.

Die Fische im Schwarm müssen sich aber auch untereinander verständigen können.

Stadler: In manchen Situationen muss der Schwarm noch schneller als die Cloud sein. Deshalb ist das Fernziel Car-to-Car-Kommunikation auch ein Bestandteil unseres Konzepts. Häufig hören wir im Radio von Gegenständen, die auf der Autobahn liegen. Ein pilotiert fahrendes Auto erkennt die Gefahr mit seiner Sensorik und kann unmittelbar andere Autos in seiner Umgebung warnen. Bis diese Information aber in die Cloud hochgeladen, dort verarbeitet und vom nächsten Auto wieder heruntergeladen wird, ist es für den Nach folgenden vielleicht zu spät. Oder denken Sie an eine Gefahrenbremsung im Kolonnen verkehr. Der weiter hinten Fahrende kann nur mit einem direkten Signalempfang vom Sender unmittelbar über die starke Verzögerung informiert werden. Deshalb ist die direkte Kommunikation in manchen sicherheitsrelevanten Anwendungsfällen unverzichtbar. Ich bin sicher, dass das vernetzte Automobil auch ein wesentlicher Bestandteil einer künftigen Smart City sein wird. Nehmen Sie das schlichte Beispiel Ampelschaltung. Unser künftiger Elektro-SUV kann rechtzeitig beginnen zu rekuperieren, wenn er weiß, dass die nächste Ampel rot sein wird. Diese Information beinhaltet ein enormes Sparpotenzial, nicht nur für Elektro­fahrzeuge. Vor allem aber wird der Verkehr durch die in Echtzeit vorhandenen Informationen wesentlich flüssiger.

Dafür braucht der Schwarm aber eine Menge Fische.

Stadler: Audi behält das ja nicht für sich allein. HERE wird zwar einem Konsortium deutscher Hersteller gehören, aber das Unternehmen soll unabhängig den Standard generieren, offen für neue Kunden aus der Automobilindustrie und anderen Branchen sein. Damit wird die Zahl der Fische bald ansteigen und die Qualität der Dienste immer besser. Die Hoheit über die persönlichen Daten jedoch bleibt immer beim Kunden, diese Unterscheidung ist uns
sehr wichtig.

Das Interview führte Herrmann Reil
Audi Technologiemagazin

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