Interview mit Markus Schäfer, Daimler AG: „Das VISION AVTR unterstreicht den Mut und Pioniergeist unserer Marke“

Markus Schäfer, Mitglied des Vorstands der Daimler AG und Mercedes-Benz AG, verantwortlich für Konzernforschung und Mercedes-Benz Cars Entwicklung, Einkauf und Lieferantenqualität, über die Zukunft der Mobilität, die digitale Transformation und die Nachhaltigkeitsstrategie des Konzerns.

Herr Schäfer, wofür steht Ihrer Meinung nach das VISION AVTR?

Markus Schäfer: Für Mercedes-Benz ist das VISION AVTR ein ganz untypisches Konzeptfahrzeug. Wir haben in unserer Geschichte immer in die Zukunft geschaut, aber noch nie in eine so weit entfernte. Für mich persönlich liegt aber genau darin der Reiz. Das VISION AVTR ist eine Mischung aus Wissenschaft und kreativer Spekulation. Er verbindet das technologisch Machbare mit dem für die Zukunft Erstrebenswerten und unterstreicht den Mut und Pioniergeist unserer Marke. Wir haben das Auto vor 134 Jahren erfunden und es bis heute mit unzähligen wegweisenden Innovationen weiterentwickelt. Jetzt befindet sich unser Unternehmen, genau wie die gesamte Automobilindustrie, in einer grundlegenden Transformation. Auf der einen Seite stehen wir dabei vor großen Herausforderungen, auf der anderen bietet sich uns eine einzigartige Chance: eine wünschenswerte Zukunft für uns und kommende Generationen zu gestalten. Dabei stehen ganz klar zwei Themen im Mittelpunkt: Kundenorientierte Digitalisierung und erlebbare Nachhaltigkeit. Und beides vereint das VISION AVTR auf außergewöhnliche Weise.

Was ist Ihr Ansatz bei der Entwicklung einer solchen zukunftsweisenden Vision der Mobilität?

Schäfer: Wissen Sie, ich bin ein „Car guy“ und die Mobilität von morgen aktiv zu gestalten, ist mehr als nur eine Aufgabe, sondern mein ganz persönlicher Antrieb. Dabei möchte ich mit maximaler Innovationskraft nachhaltig vorangehen. Als Entwickler mit Herzblut bin ich überzeugt: innovative, nachhaltige Technologien sind der Schlüssel zum Erfolg. Sie können und werden dazu beitragen, eine bessere Zukunft zu gestalten. Dabei lässt sich unser konzernübergreifender Forschungsansatz in drei Hauptphasen einteilen: IGNITE, INVENT, IMPLEMENT. Unter dem Schlagwort IGNITE identifizieren wir gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Trends und entwickeln sie zu ganzheitlichen Zukunftsszenarien. Dazu arbeiten wir weltweit eng mit externen Partnern und Wissenschaftlern, aber auch Universitäten und Start-ups aus den unterschiedlichsten Branchen zusammen. Unter dem Schlagwort INVENT definieren wir mit meinem globalen R&D Team Netzwerkprojekte zu Strategien, Konzeptideen und Prototypen. Und mit IMPLEMENT verwandeln wir Innovationen in konkrete Anwendungen und begleiten sie bis zu Serienreife.

Stichwort „Nachhaltige Technologien“ – wo stehen Sie konkret, wenn es um Nachhaltigkeit geht?

Schäfer: Als globales Unternehmen tragen wir eine große Verantwortung. Und zwar nicht nur für unsere Kunden, sondern für die Zukunft unseres Planeten. Wir sind uns darüber bewusst, dass es keinen Ersatz-Planeten gibt, auf den wir im Notfall zurückgreifen könnten. Gleichzeitig sind wir davon überzeugt, dass individuelle Mobilität ein entscheidender Treiber für Wohlstand und damit für soziale Sicherheit sowie für individuelle Unabhängigkeit ist. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die individuelle Mobilität ohne Emissionen, CO2-neutral und mit geringstem Ressourcenverbrauch zu gestalten. Erst kürzlich haben wir unsere Klimaschutzziele durch die Science Based Targets Initiative (SBTI) offiziell wissenschaftlich anerkennen lassen. Dadurch stellen wir sicher, dass sie den Pfad des Pariser Klimaabkommens unterstützen. Unser Ziel ist es, den gefühlten Konflikt zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Nachhaltigkeit aufzulösen. Dies kann uns nur gelingen, wenn wir konsequent Ressourcen schonen und uns mit voller Kraft in Richtung „Circular Economy“ bewegen.

Welche Lösungen bietet das VISION AVTR hier?

Schäfer: Die Natur ist unser Lebensraum und der beste Lehrer, von dem wir lernen können. In ihr funktionieren bionische Bautechniken, perfekte Materialkombinationen und der Ansatz der Kreislaufwirtschaft. In der Natur gibt es keine einzige Lösung, ohne sich perfekt auf das Wesentliche zu beschränken, Ressourcen wiederzuverwenden und immer wieder zu recyceln. Das VISION AVTR überträgt dieses Prinzip einer geschlossenen „Circular Economy“ auf unsere zukünftigen Fahrzeuge. Das VISION AVTR beschreibt in eindrucksvoller Art und Weise eine wünschenswerte Zukunft der Mobilität, in der Mensch, Natur und Technologie keine Widersprüche mehr sind, sondern im Einklang miteinander stehen. Das VISION AVTR demonstriert damit eindrucksvoll die Vision eines „Zero Impact Cars“.

Das hört sich alles nach ferner Zukunft an. Wo stehen Sie beim Thema Recycling heute?

Schäfer: Bereits heute sind alle unsere Mercedes-Benz Modelle zu 85 Prozent stofflich recyclingfähig und zu insgesamt 95 Prozent verwertbar. Und dennoch stecken hier weitere Potenziale. So haben wir uns beispielsweise in Bezug auf die Ressourcenschonung zum Ziel gesetzt, den Energieverbrauch und die Abfallerzeugung in unseren Werken in den nächsten zehn Jahren mehr als 40 Prozent pro Fahrzeug zu senken. Beim Wasserverbrauch wollen wir mehr als 30 Prozent pro Fahrzeug sparen. Daher arbeite ich unermüdlich mit meinem Team von fast 18.000 Menschen an 28 Standorten in 11 Ländern an technologischen Innovationen und Strategien. Hierbei arbeiten wir auch eng mit unseren Partnern und Lieferanten zusammen. Denn wir wollen unseren Kunden eine sichere und komfortable Mobilität bieten und gleichzeitig im Einklang mit unserer Umwelt stehen.

Sie sprechen als weiteres wichtiges Fokusthema von Digitalisierung. Inwiefern treibt sie die Transformation voran?

Schäfer: Die Digitalisierung spielt in allen Unternehmensbereichen eine ganz wichtige Rolle. Wir bauen unsere Kompetenz immer weiter aus und schaffen die richtigen Bedingungen, um auch in Zukunft unserer Rolle als Innovations- und Technologieführer gerecht zu werden. In Tel Aviv, Israel, haben wir zum Beispiel ein Innovation Hub gegründet, das sich mit den digitalen Bedürfnissen unserer Kunden und Cyber Security befasst. Auch an unserem Standort in Sunnyvale, Kalifornien, liegt der Schwerpunkt auf digitalen Themen rund um die Mobilität. Mit der Digitalisierung eröffnet sich uns ein ganzes Universum an Möglichkeiten, noch faszinierendere Produkte für den Kunden zu schaffen. Und genau das machen wir uns zu eigen, wir denken das Auto von Innen nach Außen – mit einem Software-orientierten Ansatz und cloudbasierten Lösungen. Unsere Fahrzeuge erhalten zudem eine „digitale DNA“, indem softwaregesteuerte Anwendungen die permanente Verbesserung der Fahrzeuge im Lebenszyklus ermöglichen. So können Funktionen aktualisiert oder hinzugefügt werden. Außerdem machen wir das Auto, wie beispielsweise die sogenannten „Flaps“ des VISION AVTR zeigen, „lebendig“: Das Fahrzeug kooperiert und kommuniziert dank intelligenter und interaktiver Sensoren mit seiner Umwelt. Durch klare Signale schafft es Vertrauen, indem man unmittelbar und intuitiv erkennen kann, wie es sich verhält.

Im VISION AVTR steckt auch eine Menge Künstliche Intelligenz. Welche Bedeutung hat KI für Sie auf dem Weg in die Zukunft?

Schäfer: Eine sehr wichtige! Wir sehen KI als eine Schlüsseltechnologie, um ein ganz neues Erlebnis von Mobilität zu gestalten. Bereits heute ist sie ein integraler Baustein für uns, sei es in der Entwicklung, in der Produktion, im Vertrieb oder im After-Sales. Auch im Fahrzeug selbst wird KI immer wichtiger, beispielsweise indem Fahrzeuge durch „Deep Learning“ ihre Umwelt immer besser verstehen, was die serienreife Entwicklung automatisierten Fahrens maßgeblich unterstützt. Ein anderes Beispiel ist die mit der A-Klasse eingeführte Mercedes-Benz User Experience (MBUX). Dieses System lernt Routinen des Fahrers, um persönliche Prognosen zu erstellen und Empfehlungen abzugeben. Ein weiterer Innovationsschritt, an dem wir gerade arbeiten, ist die persönliche KI. Hier erforschen wir unter anderem, wie unsere Kunden ihren Fahrzeugen individuelle Fähigkeiten beibringen können. Dadurch könnten sie ihre ganz persönliche KI gestalten und eine individuelle Interaktion zwischen Mensch und Maschine aufbauen. Dennoch steht bei allem was wir tun der Mensch mit seinen Fähigkeiten und individuellen Stärken immer im Mittelpunkt. Das gilt insbesondere für die Forschung und Entwicklung, wo Kreativität und soziale Intelligenz des Menschen aus heutiger Sicht durch nichts zu ersetzen sind. Neue Ideen und das Eingehen auf soziale Bedürfnisse, ob bei Kunden oder Mitarbeitern, sind die Grundlage für erfolgreiches Handeln und die Differenzierung im Wettbewerb. Dafür stehe ich – jetzt und in Zukunft.

Vielen Dank für das Gespräch.

https://www.daimler.com

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