Tesla Model S vs. Porsche Mission E

Mit dem Model S wildert Tesla erfolgreich in einem Revier, dass die deutschen Autobauer traditionell für sich beanspruchen: Leistungsstarke Limousinen der gehobenen Preisklasse. Bisher hatte man diesem Angriff hierzulande wenig entgegenzusetzen.

Und der Tesla wird auch zusehends ein Konkurrent für die Benziner: Den BMW Siebener hat er in den Verkaufszahlen dieses Jahres schon hinter sich gelassen, genau wie den Porsche Panamera.

Gerade Porsche darf es dabei eigentlich nicht gefallen, dass Tesla inzwischen Beschleunigungswerte vorlegt, die den 911er alt aussehen lassen: Mit 4,6s wird der „normale“ Carrera schon von 2 Teslas geschlagen: sowohl der S 85 D (4,4 Sekunden) als auch der S P85D (3,3 Sekunden) sind eindeutig besser, letzterer lässt sich sogar noch auf 3,0 Sekunden aufmotzen.

Ready to rumble?

Auch ohne „Dieselgate“ ist Tesla für die stolzen deutschen Autobauer also inzwischen ein Imageproblem, dem sie so langsam mal etwas gleichwertiges entgegensetzen sollten. Der BMW i8 schafft das nämlich nicht: mit 126.000 Euro für die Basisversion muss er gegen den P85D antreten – und hat das Nachsehen: Der Tesla ist ca. 10.000 Euro billiger, ist vollelektrisch, beschleunigt schneller auf 100 km/ (i8: 4,4 Sekunden; P85D: 3,3 Sekunden) und bietet mit bis zu sieben Sitzen (2 davon sind nur für Kinder geeignet) viel mehr Alltag als der Zweisitzer von BMW.

Pünktlich zur IAA stieg nun aber auch Porsche in den Ring. Die Zuffenhausener haben eine zahlungskräftige Kundschaft, sie könnten also klotzen. Und das Thema „Tempo“ sollten sie eigentlich aus dem Effeff beherrschen. Wenn Porsche Tesla nicht in die Schranken weisen kann, wer dann?

Blamabler Auftakt

Der Vergleich läuft für Porsche-Fans zunächst schockierend: Obwohl der „Mission E“ nur eine Studie ohne festgelegten Verkaufsstart ist, für die noch kein Preis genannt wird, kann er sich trotzdem nicht gegen die bereits existierenden Teslas durchsetzen: Die absoluten Zahlen sprechen für Tesla!

Zunächst wirbt Porsche aber mit einer tollen Straßenlage durch einen tiefen Schwerpunkt: Batterie und Antrieb sind im Boden verbaut. Das kommt einem irgendwie bekannt vor, denn genau dieses Konzept hat das Model S berühmt gemacht. Und selbst wenn Porsche aus der gleichen Idee noch ein bisschen mehr Kurvenspaß herauskitzeln kann – in Sachen PS liegt man klar hinter den Amerikanern: 600 wirft „Mission E“ in den Ring. Hier kann Tesla auf den lieferbaren P85D verweisen, der hat knapp 700 PS und mit 10.000 Dollar Upgrade sogar 762 PS.

Knackpunkt Autobahn

Allerdings hat die Porsche-Motorisierung für all diese Werte noch ein Ass im Ärmel: „Anders als heutige E-Antriebe entfalten sie ihre volle Leistung auch beim mehrmaligen Beschleunigen in kurzen Abständen“, heißt es auf der Porsche Homepage.

Wenn Porsche dieses Versprechen tatsächlich halten kann, wäre die Tesla-Überlegenheit bei den absoluten Zahlen nur noch halb so viel Wert. Das Model S funktioniert nämlich eher wie eine Muskete, denn der „insane/ludicrous mode“ lässt sich höchstens ein bis zweimal nachein¬ander zuschalten, danach braucht der Tesla-Motor erstmal ein wenig Zeit zum Durchatmen.Bild Porsche Mission E1

Ähnliches gilt für die Reichweite: Auf den ersten Blick ist kein Fortschritt in Sicht, denn Porsches anvisierte 500 km „kann“ der Tesla bereits. Außerdem wollen die Schwaben innerhalb von 15 Minuten 80 Prozent des Safts nachtanken können. Tesla braucht dafür noch eine halbe Stunde, als doppelt so lange. Dafür können sie aber bereits ein einigermaßen flächendeckendes Netz an „Superchargern“ verweisen.

Allerdings fressen höhere Geschwindigkeiten die Tesla-Reichweite schnell auf – und auch hier verspricht Porsche eine höhere „Autobahntauglichkeit“: die 500 km sollen auch bei „sportlicher“ Fahrweise gelten. Statt bei 210 km/h (Model S) will man den „Mission E“ erst bei 250 abriegeln – das wäre dann immerhin auch der erste Stich im Autoquartett.

Verweis auf die Rennstrecke

Zum Beweis, dass der „Mission E“ Autobahn kann, führt man bei Porsche die Rennstrecke an: Der Porsche 919 Hybrid hat dieses Jahr das legendäre 24h Stunden Ren- nen von LeMans gewonnen – und dabei viele Grundlagen für den „Mission E“ geliefert. Als reiner Stromer habe der „Mission E“ darüber hinaus schon auf der Nordschleife des Nürburgrings überzeugt – und zwar „unter der Acht-Minuten Marke“ – das sind noch nicht die 7:13 Minuten des Porsche 918 Spyder, aber immerhin schon die gehobene Sportwagen-Liga, von Mercedes CLS 63 AMG (7:59) aufwärts.

Design

Hier könnte der Porsche „Mission E“ einen klaren Punktsieg feiern. Denn über Geschmack lässt sich zwar streiten – aber die meisten Porsche sind so schön, dass sie von dieser Regel ausgenommen sind. Mit den breiten Kotflügeln am Heck hat der Mission E mindestens eines der Elemente, die schon den 911 zur Legende machten. Außerdem gibts auch eine kleine Revolution: Man verzichtet auf Außenspiegel, nahezu unsichtbare Kameras übernehmen die Funktion. Design ist allerdings auch nicht Teslas Paradedisziplin. Das Model S gilt optisch zwar als durchaus gelungen, aber eben auch nicht als Design-Offenbarung.

Touché?

Auch wenn man den „ludicrous mode“ nicht im Dauerfeuer betreiben kann, grundsätzlich scheinen die 3,0 Sekunden die Schwaben schon gekränkt zu haben. Denn anders lässt sich die Gegenoffensive in Sachen „Benutzerelektronik“ wohl kaum erklären.

Ein Auto des Silicon-Valley-Start-Up´s ist nämlich grundsätzlich online und verfügt über ein Riesendisplays mit allen Spielerein von heute. Porsche greift nun ausgerechnet auf diesem Gebiet an und will zusätzlich auch noch alles mögliche per Hologramm darstellen, während alle Displays sich am Blickwinkel des Fahrers orientieren. Und man kann das System natürlich auch per Gesten steuern.

Den Bogen überspannt?

Soweit so gut – aber der „Mission E“ geht noch weiter: der Innenspiegel soll die Emotionen der Insassen per Gesichtserkennungsfunktion erfassen und deuten – und die gute Laune dann ggf. auch gleich auf Face¬book und Co. verbreiten. Ob hier Aufwand und Nutzen im Verhältnis stehen scheint dann schon fraglich. Und eine emotionale Überwachung durch das eigene Auto inklusive eingebauter „Social-Media-Petze“? Anscheinend malt man sich in Zuffenhausen ein etwas schräges Bild von der „Generation Twitter“.

Fazit: Ein viel zu knapper Sieg

Wäre dieser Porsche dem Tesla Model S überlegen? Ja, denn die angesprochene Autobahntauglichkeit würde die absoluten Beschleunigungswerte mehr als ausstechen – und das Design ist auf jeden Fall der größere Hingucker. Allerdings gewinnt der Porsche nur im Konjunktiv, denn der Tesla ist da und die Preise
von 70.000 – 150.000 Euro sind happig, aber sie werden bezahlt.

Der Porsche hat noch nicht einmal einen theoretischen Termin für einen Verkaufsstart und es gibt auch noch keinerlei Preisvorstellungen. Und für ein Auto, das noch soweit von der Serienreife entfernt ist, gewinnt der Porsche eigentlich viel zu knapp: Denn ob dieser Mission E – bei gleichen Preisen – noch gegen einen Tesla Baujahr 2020 anstinken kann, bleibt fraglich. Ein echter Gegner ist er also nur, wenn er sich beeilt.

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14.12.2015   |  

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