Kenji Nakakuki, Division Manager, High-Precision Positioning Systems Business Development Center bei Mitsubishi Electric Europe B.V. ©Mitsubishi Electric

eMove360° Interview mit Kenji Nakakuki, Mitsubishi Electric: „Wenn jeder Zentimeter zählt“

In München kurven bald Robotaxis, die USA ändern sogar das Verkehrsrecht und in Japan wird gerade eine Stadt mit selbstfahrenden Bussen aus dem Boden gestampft – autonomes Fahren wird massentauglich. Eine Grundvoraussetzung dafür ist indes überall auf der Welt dieselbe. Autonome Fahrzeuge benötigen exaktes Kartenmaterial und hoch präzise Ortungssysteme, etwa um Spurwechsel oder Bremsmanöver sicher zu beherrschen. Japan betreibt mit einem eigenen zentimetergenauen Positionssystem bestehend aus dem Quasi-Zenit-Satelliten-System (QZSS) und einem Korrekturdienst seit Ende 2018 bereits derartige Infrastruktur. Das 2016 gegründete Konsortium Dynamic Map Platform (DMP) mit Mitgliedern wie Mitsubishi Electric, die auch das Positionssystem entwickelten, Konzernen aus der japanischen Automobilindustrie und Kartenexperten hat sich ebenfalls dieser Herausforderung gestellt: der zentimetergenauen Positionsbestimmung.

Sabine Metzger sprach mit Kenji Nakakuki, Division Manager, High-Precision Positioning Systems Business Development Center, der deutschen Mitsubishi-Electric-Niederlassung über die ambitionierten Pläne mit den sogenannten High-Precision Positioning Systems.

 

Mit dem Quasi-Zenit-Satelliten-System (QZSS) und CLAS betreibt Japan schon ein zentimetergenaues Positionssystem. ©Mitsubishi Electric

Könnte die zentimetergenaue Positionsbestimmung den Durchbruch für autonomes Fahren in Deutschland bringen?

Kenji Nakakuki: Es kommt darauf an, wie man Durchbruch definiert. Für mich ist der Durchbruch erst dann erreicht, wenn unser Empfänger in alltäglichen Situationen zum Einsatz kommt. Nehmen wir das heute existierende System Real Time Kinematik (RTK) als Beispiel: Es ist kompliziert, benötigt zusätzlich zum Empfänger teures Equipment sowie einen Korrekturkanal, um zentimetergenaue Positionsbestimmungen zu ermöglichen. Hinzu kommt, dass es nur in eingeschränkten Gegenden verwendet werden kann. Das sind die Gründe, weshalb RTK bis heute keine allzu große Akzeptanz erfahren hat. Mit unserem High-Precision Positioning System bieten wir eine ähnliche Genauigkeit für einen günstigeren Preis in einem einfachen Lösungspaket. Es lässt sich sowohl in den USA als auch in Europa mit demselben Device verwenden. Also, ja, ich gehe davon aus, dass unsere Lösung dem autonomen Fahren eines Tages zum Durchbruch verhelfen wird.

Japan hat vier von Mitsubishi Electric entwickelte Satelliten ins All geschossen, um Korrekturdaten zu übertragen. Ist das auch in Europa oder den Vereinigten Staaten nötig?

Nakakuki: Nein, das ist nicht unbedingt notwendig. Die japanische Regierung hat das Quasi-Zenit-Satelliten-System gestartet, um einen gebührenfreien hochpräzisen Korrekturdienst unter dem Namen CLAS anbieten zu können. Um derartige Korrekturdaten zu liefern, können wir aber auch das Internet oder einen kommerziellen Kommunikationssatelliten nutzen. Um auf diese Weise international einen ähnlichen Korrekturdienst zu realisieren, haben wir zusammen mit einigen weiteren Unternehmen das Joint-Venture Sapcorda ins Leben gerufen. Sapcorda bietet nun bereits einen solchen Service an.

In unseren Lösungen werden wir den Dienst in Europa und den USA einsetzen. Auf diese Weise wird es möglich, das Internet in dicht besiedelten Gebieten und Satellitenkommunikation in weniger besiedelten Gebieten zu nutzen. Darüber hinaus werden keine zusätzlichen Satelliten benötigt, um die Position zu bestimmen.

Welche Auswirkungen wird das System auf Ballungsräume in Europa haben? Könnte es den Verkehrsfluss optimieren und sich eventuell sogar positiv auf die Umweltbilanz auswirken?

Nakakuki: Natürlich möchten wir mit unserem hoch präzisen System zur Positionsbestimmung einen Beitrag zum Umweltschutz leisten. Doch unser System bildet nur eine Voraussetzung für einen optimierten Verkehrsfluss. Um tatsächlich einen nachhaltigen Einfluss auf die Umwelt zu haben, müssen Fahrzeuge direkt mit der Umwelt kommunizieren können. Dazu sind Technologien nötig, um Fahrzeuge zu vernetzen – mit Infrastruktur, Fußgängern, anderen Netzwerken und Fahrzeugen. Hoch präzise Positionssysteme sind der Key Enabler dafür, um die Umgebung identifizieren zu können. Ein Kraftfahrzeug weiß beispielsweise, auf welcher Fahrspur es sich befindet und kann mit anderen Fahrzeugen Daten austauschen.

Werden hoch präzise Lösungen die weniger genaue GPS-Navigation ablösen?

Nein, unsere Lösung wird das Standard GPS oder GNSS-Navigationsdienste vermutlich nicht ablösen. Aber sie wird GPS-Empfänger ablösen, deren Genauigkeit nicht ausreicht, um bestimmte Anforderungen erfüllen zu können. Ich denke dabei an Einsätze in der automatisierten Landwirtschaft oder bei Schiffsmanövern. GPS ist dafür nicht genau genug.

Welche politischen Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit sich das System in Deutschland durchsetzt, und wie müssen sich deutsche Automobilhersteller beteiligen?

Die Bundesregierung hat kürzlich Level 4 für autonomes Fahren genehmigt. Dabei handelt es sich um die Vorstufe zum vollständig autonomen Fahren. Das Fahrzeug navigiert den überwiegenden Teil seiner Fahrt selbständig. Das ist genau die Phase, für die wir unsere zentimetergenaue Positionsbestimmung und 3D-Kartentechnologie entwickelt haben.

Diesen und weitere Beiträge zum Thema Mobilität 4.0 elektrisch-vernetzt-autonom finden Sie im druckfrischen eMove360° Magazin. Kostenloses Download-PDF.

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21.09.2021   |  

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